Die Göttervögel

Am Wochenende habe ich eine kleine Geschichte gehört, die mich wiedermal zum Nachdenken angeregt hat. Die man aufs Leben umwälzen kann. Wo man sich wiedermal Gedanken machen kann, wieso ist das so, warum läuft so. … =>

Meine Damen und Herren, läge Zürich nicht in der Schweiz, sondern am Ganges, dann säßen wir hier jetzt unter Mangobäumen in der Abendbrise am Fluss, und wir schauten hinüber zu den Ghats, wo die Frommen zum Tauchbad in den heiligen Ganges hinabsteigen. Draußen, auf dem offenen Wasser sähen wir hin und wieder mit Stoffen verschnürte Pakete schwimmen, die die Formen menschlicher Körper andeuten, die Luft wäre erfüllt von Geräuschen und Gerüchen, die an das Tote und das Lebende erinnern. Die Sonne stünde schon tief über dem Strom, und ich würde anfangen, zu Ihnen zu sprechen, in dem ich eine Geschichte er-zählte. Denn am Ganges gäbe es kein Privateigentum an Geschichten, es wäre eine Vergegenwärtigung tradierter Weisheit und kein Plagiat, wenn ich Ihnen die Geschichte von den Göttervögeln vortrüge. Die meis-ten von Ihnen würde sie natürlich kennen, denn sie wäre schon hundert mal erzählt worden, aber jedes Mal auf eine eigene Weise und jedes Mal auf eigene Art richtig, da es im Strom der mündlichen Überlieferungen zwischen Originalen und Kopien keinen Rangunterschied gibt, hier ist die Wiederholung so originell wie das erste Mal und jede Reproduktion eine Premiere. Trotzdem wären Sie, meine Damen und Herren, erneut auf die Geschichte neugierig, weil Sie von früheren Gelegenheiten her wissen, dass man nie sicher sein kann, ob man sie verstanden hat. Ich würde also die Legende von den Vögeln erzählen, die höher fliegen, als die Gipfel des Himalaya aufra-gen. Sie heißen die Göttervögel, weil sie unsterblich sind. Schweben sie erst einmal in den Lüften, sind sie von den Schwerkräften der Erde entbunden. Sie brauchen keine Nahrung aufzunehmen, da sie sich voll-ständig selbst genügen. Nie landen sie auf dem Boden, ihr Aufenthalt sind ausschließlich die höchsten Regi-onen der Luft, sie schlafen auch in der freien Höhe, sie lieben sich unter offenem Himmel und über der offe-nen Erde, sie scheinen nichts zu brauchen außer Höhe und Weite, als seien sie imstande, sich durch die Nabelschnur der eigenen Seligkeit zu versorgen. Der einzige Augenblick im Göttervogelleben, in dem dieses losgelöste Dasein in Gefahr kommt, gestört zu werden, existiert ganz am Anfang. Denn als erdentbundene Geschöpfe legen die Göttervögel ihre Eier in die Luft. Während das Ei aus größter Höhe der Erde entgegen-fällt, brütet die Sonne es aus. Wenn die Mutter hoch genug geflogen ist, dann ist die Zeit, die bis zum Aus-schlüpfen des Jungen vergeht, gerade ausreichend, damit das stürzende Ei noch über der Erde von innen her zersprengt wird – der junge Göttervogel schlüpft in der Luft aus, er fühlt den Sturzwind in den Federn, er fängt sich im freien Fall, er breitet die Flügel aus und beginnt wieder zu steigen. So ist zur der Gattung der seltenen und wunderbaren Vögel ein neues Exemplar hinzugekommen. Aber längst nicht alle Jungen sind so glücklich, noch über der Erde auszuschlüpfen und sich noch in der Luft zu fangen. Vielleicht flog der Muttervogel bei der Eiablage nicht, wie nötig, bis in die äußersten Höhen, viel-leicht haben Wolken die Sonne verdeckt und dem stürzenden Objekt die zum Brüten notwendige Wärme vorenthalten, jedenfalls kommt es mehr als einmal vor, dass die Zeit für das Götterküken nicht genügt, um sich rechtzeitig zu befreien. Die Schwerkraft ist zu stark, der Sturz zu schnell, die zusammengepresste Ges-talt des Vogels bleibt in dem kalkigen Gefängnis eingeschlossen, während der Erdboden sich bedrohlich nähert. Verzweifelt will das Junge heraus, aber es ist zu spät, die Erde saugt mit ungeheurem Sog das stür-zende Ei zu sich hinunter, und so geschieht, was nie hätte geschehen dürfen und was sich doch allzu oft ereignet, das Ei zerschellt am Boden. Wie betäubt steckt das Junge in der zerbrochenen Schale, es ahnt noch einmal, dass es versäumt hat, rechtzeitig aufzufliegen, flügellahm liegt es auf der Erde, vom Blitz getrof-fen, von Helligkeit und Schwere niedergeschmettert. Nun wird es nie mehr fliegen lernen. Ist der erste Schock vorüber, so rafft es sich auf, es flattert auf der Stelle, dann resigniert es vor der Schwerkraft und ver-sucht, wenigstens selber gehen zu lernen. Das gelingt auch meistens – manche von den abgestürzten Göttervögeln reden in ihrem späteren Leben immerzu davon, wie wichtig für ihresgleichen der aufrechte Gang sei. Aber soviel die vertikalen Tiere auch auf dem Erdboden herumlaufen, sie werden nie das Gefühl ab-schütteln, dass etwas mit ihnen nicht völlig in Ordnung ist. In einem verborgenen Winkel ihres Gedächtnisses lebt eine Ahnung davon weiter, dass einmal andere Möglichkeiten offen standen, die ihnen vorenthalten blieben.

Quelle: Peter Sloterdijk – (Anna san danke für die Info)

6 Gedanken zu „Die Göttervögel

  1. Philomenon

    Weil du sagst, dass ich da ein Plagiat begangen habe. Ich habe eh versucht, die Quelle zu finden. Weisst du genau, wer der Autor diese Textes ist? Ich werde aber versuchen auch das noch rausfinden und dann nachkommentieren. 😐

  2. Anna-san

    Peter Sloterdijk – deutscher Philosoph
    ‚Die Göttervögel‘ kommen in ‚Poetik der Entbindung‘ vor – Kapitel 4 von
    ‚Zur Welt kommen- Zur Sprache kommen. Frankfurter Vorlesungen‘ Edition Suhrkamp
    schönen abend noch

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